Springsport - Der Sumpf der ehrenwerten Gesellschaft

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Springsport - Der Sumpf der ehrenwerten Gesellschaft

Der einst hierzulande angesehene und hocherfolgreiche Springsport hat sich zum "Sorgenkind der Nation" entwickelt, Glaubwürdigkeit und Vorbildcharakter sind dahin. Beim näheren Hinsehen entpuppt sich diese Entwicklung allerdings als hausgemacht und vorhersehbar.

Springsport - Die "ehrenwerte" Gesellschaft und ihre Vorbilder
Anfang der 90-er Jahre verstummten die Jubelperser und merkbefreiten Claquere erstmalig, als Stern-TV den Barrskandal um Paul Schockemöhle lostrat. Pferde-Deutschland zeigte sich ob der nicht sehr gefühlvollen Ausbildungsmethoden überrascht und entsetzt, ein Aufschrei der Empörung durchzog über Monate Öffentlichkeit und Pferdeszene. Doch recht schnell wuchs Gras über die Affäre, Menschen haben in Sachen Negativmeldungen bekanntlich ein kurzes Gedächnis. Die Hunde bellen, die Karawane zieht vorbei...
Übrigens: Der über Jahrzehnte umjubelte Paul Schockemöhle wurde 1996 wegen Steuerhinterziehung zu elf Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt und musste 22,6 Millionen Mark Steuern nachzahlen. Was die Medien - in neuerer Zeit - in keinster Weise daran hindert, um die Expertise und "fachkundigen" Kommentare des dreimaligen Europameisters der Springreiter in der Öffentlichkeit zu buhlen. Vorbildfunktion? Fehlanzeige!

McLain Ward, aktuell Olympiasieger mit der US-Mannschaft in Hongkong, ist in Sachen unkonventionelle Ausbildungsmethoden und gefühlvoller Umgang mit Pferden auch nicht unbedingt ein unbeschriebenes Blatt: 1999 wurde der damals 23-jährige US-Amerikaner in Aachen von Chefsteward Hansi Wallmeier dabei erwischt, als Ward seinem Pferd Benetton Gamaschen mit Plastikspitzen an der Innenseite angelegt hatte. Daraufhin wurde der Springreiter in der Soers auf Lebenszeit gesperrt - die "lebenslange Sperre" dauerte bis 2004 an, McLain Ward hatte sich für den "Vorfall" entschuldigt und durfte beim CHIO Aachen wieder starten. Einmal mehr litt das Gedächnis des Publikums und der Veranstalter...
Übrigens: Mclain Ward stammt aus einer wahrhaftig "pferdebegeisterten" Familie, sein Vater Barney Ward war in den 90-er Jahren in einem der größten Pferdesportskandalen in den USA verwickelt und zu 2 3/4 Jahren Gefängnisstrafe verurteilt worden, weil er bei der mutwilligen Tötung eines Pferdes zum Zwecke des Versicherungsbetruges mitgeholfen hatte.

Im Vergleich dazu, erscheinen die aktuelleren Fälle deutscher Springreiter als "Kinderteller". So auch der Fall von Ludger Beerbaum, vermeintliches Leitbild und "charismatische Figur" des deutschen Springsports, der bei den olympischen Spielen in Athen 2004 aufgrund des Nachweises von Betamethason (Cortison) bei seinem Pferd Goldfever seine Medaille zurückgeben musste und die deutsche Mannschaft aufgrund dessen, Bronze statt Gold verliehen bekam. Die nebulösen und alles andere als schlüssig anmutenden Aussagen des "charismatischen Springreiters" und der gescheiterte Versuch der Beteiligten, Mannschaftstierarzt Dr. Nolting zum Sündenbock zu machen, hinterlassen mehr als einen bitteren Beigeschmack im Zusammenhang mit der damaligen Affäre, zudem die Sportfunktionäre der FN sich damals auch über Maßen bemühten, die Angelegenheit nicht hochkochen zu lassen, um das Ansehen des "Aushängeschildes des deutschen Springsportes" nicht zu beschädigen. "Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen" - so das Motto der harmoniebedürftigen FN-Riege zum damaligen Zeitpunkt. Und mit ihrer Strategie behielten sie (zumindest zeitweise) Recht, schon bald sprach kein Mensch mehr über diesen Fall, die nicht sehr wachsame Öffentlichkeit jubelte dem medial perfekt geschulten und auftretenden Beerbaum erneut wieder zu. Wie war das mit dem "kurzen" Gedächnis? Der Glaube an den "gutgläubigen Springreiter" hatte einmal mehr über ungeklärte Fragen und Sachverhalte obsiegt, the Show must go on...

Und die unwirklich anmutende Show in Sachen verbotene Medikation / Doping und Manipulation wurde in Hongkong unter den Augen der staunenden Öffentlichkeit eindrucksvoll inszeniert, der Springsport verzeichnet mittlerweile fünf (!) Doping- bzw. Medikationsfälle im Rahmen der Olympischen Spiele in Hongkong. Darunter der Springreiter Christian Ahlmann, der sich keinerlei Schuld bewusst ist - er war maximal "gutgläubig" und hatte sich keinerlei Gedanken um den Einsatz des Capsaicin-haltigen Mittels Equi-Block bei seinem Pferd Cöster gemacht. Dabei gibt er im gleichen Atemzug zu, das Mittel kam zum Einsatz aufgrund eines Rückenproblems von Cöster, der Wallach hatte sich beim Turnier in Cannes "eine Art Hexenschuss zugezogen". Was Ahlmann nicht beantwortet, ist die Frage, was ein Cöster in einem nicht ganz einwandfreien Zustand, bei Olympischen Spielen zu suchen hatte. Denn auch für Ahlmann gilt die Einsicht eines Karl-Dieter Ellerbracke: "Gesunde Pferde brauchen keine Medikamente, und kranke Pferde gehören nicht auf die Rennbahn."

Die Fälle des ebenfalls überführten Publikumslieblings Rodrigo Pessoa (dessen B-Probe positiv war), des in Deutschland lebenden Iren Denis Lynch und des Brasilianers Bernardo Alves und Norwegers Toni Andre Hansen sind lediglich ein weiterer Beweis für das Massenphänomen Unrechtsbewusstsein und Siegeswille um jeden Preis.
Die Pikanterie und der tiefe Sumpf um die "Vorbilder des Springsports" findet in Eric Lamaze, amtierender Einzel-Olympiasieger der Springreiter, einen ebenfalls ehrenwerten Vertreter seiner Spezie, eine eindrucksvolle Fortführung: Lamaze durfte aufgrund erwiesenen Kokain-Konsums nicht an den Olympischen Spielen in Atlanta 1996 und Sydney 2000 teilnehmen. Jetzt haben wir auch noch einen überführten Kokser als Olympiasieger. Noch Fragen?

Springsport - Jahrmarkt der Heuchler und Relativierer?
Natürlich könnte man sagen, dass jeder Fehler machen kann und macht. Und natürlich muss jeder, der Fehler macht, die Chance bekommen, sich zu rehabilitieren. Doch im Zusammenhang mit dem Springsport drängt sich die ketzerische Frage auf, haben die überführten Sünder tatsächlich etwas dazu gelernt? Die Vorkommnisse von Hongkong und die teilweise abstrusen Aussagen und Rechtfertigungen der Betroffenen lassen dies nicht vermuten...
Darüber hinaus sollte man sich als Teil einer zivilisierten Gesellschaft fragen, ob Kokser, verurteilte Steuer- und Doping-Sünder und sonstige unglückliche Figuren, überhaupt als öffentliche Vorbilder für den Springsport taugen. Bei allem reiterlichen Können und Verdienste der Vergangenheit: Sind dies die "Leitfiguren", die unseren Kindern den Reitsport näher bringen sollen?
Schuld und Sühne ist sicherlich ein diskutables Thema, doch gilt es die Betroffenen und Öffentlichkeit daran zu erinnern, dass "die erste Pflicht derer, die eine hohe Stellung bekleiden, ist die, den anderen mit gutem Beispiel voranzugehen." (Massimo Taparelli d'Azeglio, italienischer Gelehrter des 19. Jahrhunderts).


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