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Wenn man Hannoveraner-Fan ist, fällt es ziemlich schwer, sich der Faszination alter Blutlinien zu entziehen. Doch die glorreichen Zeiten legendärer Springpferdevererber wie Gotthard oder Graphit liegen bereits ziemlich weit zurück. Trotz G-Blut-Initiative und weiteren Bemühungen des Hannoveraner Verbandes das noch vorhandene Gotthard-Blut in den Pedigrees designierter Springpferde zu verankern, so werden die Abstammungsnachweise, in denen man die Namen von Zuchtheroen vergangener Zeiten lesen kann, immer seltener. Dabei ist gerade die Kombination von französischem Blut (Alme Z, Furioso, etc.) mit dem Blut des Schimmelhengstes Gotthard, die mitunter das Zuchtgebiet Hannover weltberühmt in Sachen Springpferde(zucht) gemacht haben. Doch woher nehmen und nicht stehlen? For Pleasure (Furioso x Grannus) stellt diesbezüglich noch eine berechtigte Hoffnung dar, allerdings sind seine Nachkommen hinsichtlich Bedienbarkeit und Größe nicht unbedingt oben in der Beliebtheitsskala der Springpferdezüchter angesiedelt. Sein aus einer Graphit-Mutter gezogener Sohn For Keeps, international erfolgreich unter Lars Nieberg, könnte allerdings seinem berühmten Vater den züchterischen Rang ablaufen. Seine Nachkommen sind - wenn auch anfangs zuweilen elektrisch - alles in allem auch von "normalen Menschen" bedienbar, sie sind rittig und haben oftmals eine passende Größe. Zudem stellte For Keeps mehrfach die Spitzenpferde im Rahmen Hannoveraner Auktionen, seine Nachkommen erfreuen sich einer zunehmenden Beliebtheit. Mehrfache Vergütung auf Gotthard = Springgarantie? Die Theorie, dass Linienzucht auf Gotthard eine nahezu sichere Bank in Sachen Springen ist, lässt sich nicht von der Hand weisen. Zahlreiche Beispiele bishin zum internationalen Sport belegen dieses in Züchterkreisen heiss diskutierte Axiom, kommt noch ein Schuss französisches Blut hinzu, so lassen sich bessere Springpferde - bei entsprechender sportlicher Qualität von Hengst und Mutterstute - am "Pedigree-Reissbrett entwerfen". Und meist halten die entsprechenden Produkte das Versprechen des Abstammungsnachweises - ein zehnjähriger, systematisch geplanter Wallach aus der Kombination 2 x Gotthard, Furioso, Arthy und Nankin (über den unter Franke Sloothaak erfolgreichen Hengst San Fernando), hat im abgelaufenen Jahr vier S-Siege und einige sehr gute Platzierungen in schweren Springen zu verzeichnen. Aus Sicht der ländlichen Reiterei, gar nicht so schlecht. Doch vor vier Wochen sollte mir vergönnt sein, eine Steigerung hierzu zu Gesicht zu bekommen. Ein mit 1,72m großer Wallach - Blutführung: 3 x Gotthard + 2 x Graphit + 2 x Domspatz + Furioso. Dazu führt er in der Mutterlinie die für Hannoveraner wertvollen Vollblüter Valentino xx und Waidmannsdank xx. Ein elastischer Gummiball mit grenzenlosem Vermögen und einer am Sprung perfekt agierenden Hinterhand, beim Freispringen hat er - trotz abenteuerlichem Aufbau des Einzelsprunges bishin zu 1,60m - nicht einmal die Latte berührt. "Er kann noch höher" sagte der Verkäufer. Ich lehnte dankend ab und bemerkte, alles Wesentliche gesehen zu haben. Wer nun jetzt denkt, es bei dieser Blutführung mit einem altbackenen, steifen Zeitgenossen zu tun zu haben, der sieht sich schnell eines besseren belehrt: hochelektrisch und dabei viel Gummi, ein angeborener Ekel vor Stangen und eine Berührungsempfindlichkeit am ganzen Körper, die fast nur Qualitätsspringpferde auszeichnet. Eine Tatsache, die sich bei einem "grünen" Vierjährigen anfangs nicht unbedingt vorteilhaft ist, denn man muss ein solches Pferd erst einmal reiten... Eine starke und äusserst aktive Hinterhand mit einem Maximum an Schub und Tragkraft. So wundert es nicht, dass sich ein vermeintliches Springpferd auch spektakulär im Trab bewegen kann, da kommt manch Dressurreiter nicht aus dem Staunen heraus. Maul und Vorwärtsdrang? Ein feines Maul, ständig auf der Suche nach Anlehnung und eine Explosivität und Vorwärtsdrang der Superlative. Charakter? Sehr brav im Umgang, allerdings äusserst bewegungsfreudig und bodenguckig...Wer schon einmal ein bodenguckiges Qualitätspferd besessen hat, möchte nie mehr etwas anderes reiten - die Vorsichtigkeit und Übersicht dieser Sorte Pferd im Parcours ist nahezu Garant für Nullrunden. Allerdings brauchen diese Pferde auch etwas länger. Hannoveraner mit Qualität eben... |